Cash-Flow
Warum der Cash-Flow über die Handlungsfähigkeit Ihres Unternehmens entscheidet
Ein Unternehmen wird nicht dadurch zahlungsunfähig, dass am Jahresende ein Verlust in der Bilanz steht. Es wird zahlungsunfähig, weil an einem bestimmten Tag das Geld für eine fällige Zahlung nicht da ist. Zwischen einem guten Auftragsbuch und einem gedeckten Konto liegen Wochen – und genau in dieser Spanne entscheidet sich, ob offene Rechnungen ein Randthema der Buchhaltung bleiben oder zur existenziellen Frage werden. Forderungsmanagement ist deshalb keine Aufräumarbeit am Ende des Auftrags, sondern Liquiditätssteuerung.
Drei Größen, die im Alltag durcheinandergeraten
Wer seine Zahlen nur einmal im Jahr sieht, verlässt sich meist auf Umsatz und Gewinn. Beide sagen nichts darüber, ob Sie morgen zahlungsfähig sind:
Umsatz
Was Sie fakturiert haben.
Die Summe Ihrer Rechnungen sagt nichts darüber, ob das Geld angekommen ist. Ein Rekordmonat kann ein Monat ohne einen einzigen Zahlungseingang sein.
Gewinn
Was rechnerisch übrig bleibt.
Eine Periodengröße aus der Buchhaltung. Sie entsteht bereits mit der Rechnung – auch dann, wenn der Kunde erst in acht Wochen zahlt oder gar nicht.
Cash-Flow
Was tatsächlich auf dem Konto bewegt wurde.
Die Differenz aus Ein- und Auszahlungen eines Zeitraums. Nur diese Größe entscheidet, ob Sie am Monatsende Löhne, Material und Steuern bezahlen können.
Der praktische Unterschied zeigt sich im Wachstum: Je mehr Aufträge Sie annehmen, desto mehr Material, Löhne und Vorleistungen finanzieren Sie gleichzeitig vor. Ein profitables Unternehmen kann deshalb gerade dann in Zahlungsschwierigkeiten geraten, wenn es gut läuft.
Der Weg vom Auftrag zum Geldeingang
Zwischen Ihrer ersten Auszahlung und dem Zahlungseingang Ihres Kunden liegen fünf Stationen. Vier davon finanzieren Sie selbst:
1
Auftrag und Vorleistung
Material, Löhne und Subunternehmer sind fällig, bevor ein einziger Euro hereinkommt.
2
Leistung erbracht
Die Arbeit ist fertig, das Kapital ist gebunden. Erst jetzt entsteht überhaupt ein Zahlungsanspruch.
3
Rechnung gestellt
Jeder Tag zwischen Fertigstellung und Rechnung ist ein Tag, den Sie sich selbst nehmen.
4
Zahlungsziel läuft
Ein Zugeständnis, kein Naturgesetz: Ohne Vereinbarung ist nach § 271 BGB sofort zu zahlen.
Stufe 1 bis 4
Diese Spanne finanzieren Sie aus eigener Substanz vor. Sie ist Ihr Kreditrahmen an den Kunden – nur ohne Zinsen, ohne Sicherheiten und ohne dass jemand darüber entschieden hätte. Jeder Tag, den Sie hier herausnehmen, kommt sofort auf Ihrem Konto an.
5
Zahlungseingang
Erst hier wird aus Umsatz Liquidität. Bleibt er aus, läuft die Vorfinanzierung einfach weiter.
Was ein Tag weniger Außenstand konkret wert ist
Die Länge dieser Spanne lässt sich in Euro ausdrücken. Multiplizieren Sie Ihren Tagesumsatz mit der durchschnittlichen Zahl der Tage, die zwischen Rechnung und Zahlungseingang vergehen – das Ergebnis ist der Betrag, der dauerhaft in offenen Rechnungen gebunden ist. Ein Beispiel für ein Unternehmen mit 600.000 Euro Jahresumsatz:
gebundenes Kapital = Jahresumsatz ÷ 365 × Außenstandstage
Ausgangslage
45 Tage Außenstand
rund 74.000 €
dauerhaft in offenen Rechnungen gebunden
Nach dem Aufsetzen des Prozesses
30 Tage Außenstand
rund 49.000 €
dauerhaft in offenen Rechnungen gebunden
Rund 25.000 Euro werden frei – ohne einen einzigen zusätzlichen Auftrag, ohne Preiserhöhung und ohne Kreditgespräch. Es ist Geld, das Sie bereits verdient haben und das lediglich zu spät ankommt.
Rechnen Sie den Wert für Ihr Unternehmen einmal aus. Die Zahl macht sichtbar, warum sich der einmalige Aufwand für einen festen Zahlungsprozess in aller Regel schon im ersten Quartal trägt – und warum fünfzehn Tage weniger Außenstand oft mehr bewegen als zwei zusätzliche Aufträge.
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Skonto ist der teure Weg zum selben Ziel: Zwei Prozent Nachlass dafür, dass Ihr Kunde 20 Tage früher zahlt, entsprechen rechnerisch rund 37 Prozent Zinsen im Jahr (2 ÷ 98 × 365 ÷ 20). Skonto verkürzt die Außenstandsdauer also wirksam, aber zu einem Preis, der über jedem Kontokorrentzins liegt. Es gehört deshalb kalkuliert und vereinbart – nicht gewohnheitsmäßig auf die Rechnung gedruckt.
Wo aus einer Liquiditätslücke ein Rechtsproblem wird
Die Spanne hat eine Grenze, an der sie die Rechtsform Ihres Unternehmens berührt. Zahlungsunfähig ist nach § 17 Abs. 2 InsO, wer die fälligen Zahlungspflichten nicht erfüllen kann. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs liegt sie in der Regel vor, wenn eine Deckungslücke von zehn Prozent oder mehr nicht binnen drei Wochen geschlossen wird. Bei einer GmbH oder UG folgt daraus die Antragspflicht der Geschäftsführung nach § 15a Abs. 1 InsO – ohne schuldhaftes Zögern, spätestens drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit.
Die zweite Grenze liegt bei Ihrem Kunden. Wird über sein Vermögen ein Insolvenzverfahren eröffnet, wird aus einer berechtigten Forderung eine Quote. Wer früh nachfasst, erkennt Zahlungsstörungen, solange sich noch etwas regeln lässt – eine Ratenvereinbarung, eine Sicherheit, ein Stopp weiterer Vorleistungen. Wer erst nach Monaten mahnt, steht am Ende der Reihe. Der gesetzliche Verzugszins von derzeit 10,52 Prozent bei Entgeltforderungen ohne Verbraucherbeteiligung gleicht den Schaden zwar rechnerisch aus; er ersetzt aber keine Liquidität, die Sie heute brauchen, und ist wertlos, wenn nichts mehr zu holen ist.
Sechs Stellschrauben, die der Leitfaden Ihnen dafür gibt
Der Leitfaden führt die betriebswirtschaftliche und die rechtliche Seite zusammen: Jede dieser Stellschrauben verkürzt die vorfinanzierte Spanne – und jede ist im Dokument mit Fundstelle, Formulierungsvorschlag und Handlungsschritten hinterlegt.
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Fälligkeit im Vertrag regeln, nicht auf der Rechnung
Kapitel 2
Ein einseitig auf der Rechnung gesetztes Zahlungsziel schafft nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs nicht ohne Weiteres eine kalendermäßige Leistungszeit. Steht das Datum im Vertrag, tritt der Verzug ohne Mahnung ein – das spart eine ganze Mahnstufe.
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Abschläge und Anzahlungen vereinbaren
Kapitel 2
Die wirksamste Verkürzung setzt am Anfang an: Was Sie vor oder während der Leistung erhalten, müssen Sie nicht vorfinanzieren. Das verkürzt die Spanne unabhängig vom Zahlungsverhalten Ihres Kunden.
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Sofort abrechnen und ein Kalenderdatum nennen
Kapitel 3
Der interne Rechnungsverzug ist der Teil der Außenstandsdauer, den Sie vollständig selbst steuern – und meist der billigste, den man streichen kann.
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Skonto kalkulieren statt gewohnheitsmäßig gewähren
Kapitel 3
Skonto verkürzt die Außenstandsdauer, ist aber teuer erkauft. Es lohnt sich nur, wenn der Vergleich mit Ihren Finanzierungskosten bewusst gezogen wurde.
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Feste Mahnstufen mit kurzen Fristen
Kapitel 4
Zwei bis drei Stufen sind kaufmännische Praxisnorm. Jede weitere Stufe verlängert nur den Außenstand und signalisiert, dass Ihre Fristen nicht ernst gemeint sind.
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Altbestände jährlich durchsehen
Kapitel 7
Forderungen, die niemand mehr anfasst, binden weiter Kapital und verjähren regelmäßig drei Jahre nach dem Ende des Entstehungsjahres. Eine Herbstprüfung trennt Weiterverfolgung von bewusstem Verzicht.
Beispiel aus der Praxis
Ein Handwerksbetrieb mit zwölf Mitarbeitenden schrieb Schlussrechnungen erst am Monatsende gesammelt und gewährte pauschal 30 Tage Zahlungsziel. Zwischen Fertigstellung und Rechnung vergingen im Schnitt zwei Wochen, bis zum Geldeingang weitere sechs. Der Betrieb stellte auf tagesaktuelle Rechnungsstellung mit konkretem Kalenderdatum um und vereinbarte bei Aufträgen über 5.000 Euro eine Abschlagszahlung nach der Hälfte der Bauzeit. Die Zahlungsziele blieben unverändert – der Kontokorrentkredit wurde trotzdem nicht mehr in Anspruch genommen.